Am Ende wird die Peitsche schnell – Mein erster Marathon

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Köln Marathon 2016

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als ich mit Jörg bei mir zu Hause vor dem Rechner saß. Der kurze Moment, in dem wir beide uns ungläubig ansahen, kurz nachdem wir den „Anmelden“-Button auf der Webseite des Köln Marathons angeklickt hatten. Wir hatten es getan: Wir hatten uns für einen Marathon angemeldet.

Im selben Augenblick war klar: Mit dem momentanen Fitnessstand wird bei dem Vorhaben kein Blumentopf zu gewinnen sein und so stellte ich mir einen 16-Wochen-Trainingsplan zurecht, der es in sich haben sollte. Bis zum Beginn des Trainingsplans waren es aber noch gute 8 Wochen. Zeit also, um sich noch schnell ein paar Reserven anzufuttern und den Start des Trainings schön auf die lange Bank zu schieben. War ich bis Mitte März noch super in Training, stand nach der Geburt von Outdoorkind Nr. 2 eigentlich nur noch Ruhe, futtern und alles, aber bloß nicht laufen auf dem Plan. „Ich hab ja ab dem Beginn des Trainingsplans noch 16 Wochen Zeit“, so lautete die Devise.

Mit Jörg hatte ich einen super Laufpartner gefunden. Das Ziel „Hauptsache durch“ stand für uns beide fest und auch in Sachen Pace war und ist Jörg ein angenehmer Zeitgenosse im Lauftraining. Nicht zu flott, nicht zu langsam. Passt einfach. Und so unternahmen wir meist an den Wochenenden einige längere Läufe, während unter der Woche jeder seinen eigenen Plan abspulte. Hin und wieder standen dann Läufe zwischen 15 und 30 Kilometern auf der Tagesordnung, bei denen wir teilweise merkten: Kopf und Ausdauer wollen, Muskeln eher nicht. (Jetzt, wo ich diesen Satz schreibe, fällt mir auf, dass ich in der ganzen Vorbereitung keine einzige Stabi-Übung und rein gar kein Krafttraining gemacht habe.) Und so trieben wir es ganz schön bunt mit unserem Laufprogramm. Sogar so weit, dass wir an einem Mittwoch nach der Arbeit „mal eben noch schnell 37 km laufen wollten“. Ziemlich schwachsinnige Idee, die dazu führte, dass wir irgendwann klatschnass und völlig unterzuckert im Dunkeln saßen und uns ein Taxi bestellen mussten. Und ich mit Schmerzen zu kämpfen hatte, die sich nachher als ein (selbst diagnostiziertes) Läuferknie heraus stellten.

Der Plan ist in Gefahr

27 km ging alles gut – und als ich stehen blieb, fühlte es sich an, als würde mir jemand mit Anlauf von der Seite ins Knie treten.. Ich ging zu Boden. War das die Retourkutsche für den Mix aus langen Läufen und keinem Stabi-Training? Ich sah den Plan, am 02. Oktober 2016 den Marathon in Köln zu laufen, ernsthaft in Gefahr. Durch Faszienrollen und Tapen bekam ich das Knie aber wieder in den Griff und konnte vor dem Finale in Köln noch einen längeren Lauf machen.

Der Tag der Wahrheit naht

Das Orga-Team des Köln Marathons weiß schon ganz gut, wie es eine Prise Dramatik in die Lauf-Suppe bringen kann. Wochenlang hört man nichts, dann häufen sich die Mails. Und mit steigendem Mailaufkommen steigt auch bei mir der Blutdruck. Habe ich mich wirklich dafür angemeldete? Ich bin doch noch gar nicht fit. Kann das nicht noch zwei Wochen warten? Es hilft alles nichts. Zum Glück habe ich in den Wochen vor dem Start so viel um die Ohren, dass keine Zeit bleibt, um sich Gedanken zu machen. Kurz kläre ich mit Jörg noch ab, wer von uns beiden fährt und wann und wo wir unsere Frauen an der Strecke sehen werden und mit dem nächsten Wimpernschlag ist es Sonntag Morgen, 02. Oktober 2016, 6.00 Uhr.

Als mein Wecker schnarrt, kann ich so gerade ein Auge öffnen. Die letzte Stunde „Schlaf“ habe ich damit verbracht, an den Marathon zu denken. Und als ich aufstehe, merke ich, wie meine Halsschlagader so stark pulsiert, dass mir schlecht wird. Aufgeregte? Never. Ich gehe – das habe ich mir vorgenommen – duschen und schmeiße mir die Laufsachen über. Kurzer Check: Habe ich alles dabei? Genug trockene Klamotten? Startnummer? Laufschuhe? Eigentlich kann materiell nix schief gehen. Dann geht es nach einem kurzen Frühstückshappen zu Jörg und von dort aus weiter nach Köln. Wir blödeln auf der Fahrt und lassen uns nichts anmerken.

Köln, wir kommen!

Gegen 9.00 Uhr morgens sind wir im Anflug auf Köln. Da Sonntag ist, können wir von Fliegen sprechen, denn der normale Berufsverkehr verschont unsere Nerven. Wir parken im Parkhaus der Lanxess-Arena und sehen vom Parkplatz aus schon das Startfeld der Halbmarathonläufer, die gerade auf die Strecke geschickt werden. Wieder schlägt mein Puls so laut, dass ich meine Halsschlagader hören kann. Und wieder frage ich mich, ob das alles real ist.

Köln Marathon 2016

Vor dem Deutzer Bahnhof treffen wir Dominik, den ich bei den Brooks Ambassadors of RunHappy kennen lernen durfte. Dass sein Tag eine Wendung nehmen wird, die ich zu dem Zeitpunkt nicht auf dem Schirm habe, lässt sich leider nicht erahnen. Also wünschen wir uns kurz viel Glück, Spaß und alles, was man bei so einem Lauf halt so haben kann und begeben uns in unsere Startblöcke.

Auf die Strecke, fertig, los!

Startfeld Köln Marathon 201610, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1 – Einmal knallt es laut, als die Dicke Berta das blau-weiße Konfetti über die Menschenmenge ergießt und die Eliteläufer auf die Strecke schickt. Wir sind zwar nicht weit entfernt, müssen aber dennoch gute 10 Minuten warten, bevor auch wir loslaufen dürfen. Dennoch: Ich habe Gänsehaut am ganzen Körper. Und dann geht es los. Wir setzen uns in Bewegung. Kurz hinter der Deutzer Brücke hat dann auch jede Zelle meines Körpers verstanden: Hey, wir laufen gerade einen Marathon!

Und so laufen und laufen wir. Hin und wieder gucke ich auf die Uhr und gebe den aktuellen Herzfrequenzbereich durch. Vorgenommen hatten wir uns, bei einer HF von 3 bis 4 zu laufen. Wir laufen also am Rheinufer entlang und in Ecken von Köln, die ich so noch nicht kannte. Aber hey, wir haben Spaß. Immer wieder schauen wir uns an: „Läuft?“ – „Läuft!“ … Und wir spulen einen Kilometer nach dem anderen ab. In fast schon meditativer Eintönigkeit halten wir die Pace und wundern uns alle paar Kilometer, dass wir die Pace halten, obwohl wir uns doch etwas ganz anderes vorgenommen hatten. Pacemäßig wollten wir uns bei 6:30 einpendeln, waren aber immer knapp unter 6:00 unterwegs. Wahnsinn.

Immer wieder stehen im Wechsel unsere Frauen mit den Kindern und Rene von Outdoor Spirit an der Strecke und feuern uns an. Rene ist erst eine Woche zuvor den Marathon in Berlin mitgelaufen und weiß, was wir gerade durchmachen. Die Aufmunterungen und guten Worte wirken: Sie treiben uns zusätzlich an und verleihen uns förmlich Flügel.

Et läuft!

Und wie wir so vor uns dahin laufen, vergesse ich sogar irgendwie meine Knieprobleme. Bei Kilometer 31 beglückwünschen wir uns kurz, denn so lang sind wir noch nie gelaufen – keiner von uns. In den Trainingsläufen war stets bei 30 Kilometern Schluss. Heute waren wir mit Mut zur Lücke unterwegs.

Ab km 34 macht sich bei Jörg der Fehler, die Gelchips im Stück zu verschlingen, anscheinend bemerkbar und es zwackt in der Magengegend. Aber Jörg hält durch und wir leiden wahrlich mit all den Läufern und Läuferinnen mit, die wir mit Krämpfen am Straßenrand sehen. Für sie geht es erst mal so kurz vor dem Ziel nicht mehr weiter, aber bei uns läuft’s irgendwie immer noch.

Gänsehaut am ganzen Körper bekomme ich wieder, als sich die Zahl der Zuschauer am Rand der Strecke auf den letzten 1,5 km schlagartig erhöht. Ab jetzt wird Party gefeiert. Jeder singt, feuert an und gibt jedem Läufer noch einmal den letzten Schub. Durch die Fußgängerzone laufen wir auf den Dom zu und es lässt sich erahnen, dass gleich Schluss ist. Und als wir um die Ecke biegen und den roten Teppich am Zieleinlauf sehen, wird es kurz sentimental. Viele Monate der Schinderei finden mit dem Überlaufen der Ziellinie ein Ende. Wir schreien uns an und sind so im Tunnel, dass wir unser Familien nicht bemerken, die am Zieleinlauf auf uns warten. Nach 4 Stunden, 15 Minuten und 37 Sekunden setze ich meinen Fuß über die Ziellinie und genieße den kurzen Augenblick. Und nach einer kurzen Verschnaufpause begeben wir uns zum Ausgang, wo uns die Medaillie umgegangen wird. Ein Moment voller Stolz, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Am Ende wird die Peitsche schnell

Unser Plan und das Motto des Tages war „Am Ende wird die Peitsche schnell“ und der Blick auf die Uhr am Anfang hat sich am Ende bezahlt gemacht. So konnten wir den ganzen Tag über das Tempo halten. Sicher wären wir schneller und vor allem ich auch wahrscheinlich verletzungsfreier gelaufen, wenn wir während der Trainingswochen ein bisschen mehr Krafttraining und Stabis gemacht hätten. „Am Ende wird die Peitsche schnell“ hat uns in der Vorbereitung und in Köln oft zum Schmunzeln gebracht, weil der Spruch Sinnbild dafür ist bzw. war, wie ernst wir an die Sache gegangen sind. Sicher, ohne ein gewisses Maß an Disziplin, Ausdauer und Ernsthaftigkeit  sollte man das Projekt Marathon nicht angehen, aber der Spaß darf dabei auch nicht zu kurz kommen. Und davon hatten wir sicher eine ganze Menge.

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1 KOMMENTAR

  1. Toller Beitrag. Ich laufe in diesem Jahr bei meinem ersten Marathon mit. Dafür reise ich extra nach München. Ich hoffe dass es so abläuft wie vorgestellt.

    LG

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